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Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts

Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts

Quelle: Amazon

ISBN: 3593387328
EAN: 9783593387321
Herausgeber: Campus Verlag

29,90 EUR
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Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts
 

Kunden Meinungen

Hervorragend

Datum:14.04.2010 - Rating: 5/5

Es ist schon merkwürdig mit den Soziologen: präzise Analysen, die interessantesten Fragestellungen und überraschande Antworten. Und dann scheint es, als würden die Autoren und der Verlag alles dransetzen, dass die breite Öffentlichkeit dieses Buch erst gar nicht in die Hand nimmt: man verbanne einen vielversprechenden Titel in den Untertitel, nehme eine Farbgestaltung die an den letzten Kirchentag erinnert und verkompliziere den einen oder anderen Text ein wenig.

Dabei hat dieses Buch nicht nur für Soziologen viel interessantes zu bieten. Wer sich einmal durch die m.E. fordernde Sprache von Herrn Dörre durchgekämpft hat, wird am Ende mit echtem Erkenntnisgewinn belohnt und findet u.U. auch gefallen an dem Sprachgebrauch. - Es ist ein wenig wie mit Shakespeare ... am Anfang qual am Ende hochgenuss.


Sehr anspruchsvolle, aber nicht überfordernde Lektüre!

Datum:02.01.2010 - Rating: 5/5

Von Uwe Lammers; M.A.

Man muss das vorliegende Werk, wie auch schon der Untertitel der sozialen Frage sagt, als Fortführung, Fortschreibung, aber auch als Ergänzung der letzten Bücher von Castel lesen und denken, der mit seiner Metamorphose der sozialen Frage (2000) unlängst eine neue, aber keineswegs überraschende Beschreibung der Wiederkehr einer Entkoppelung und Unsicherheit breiter Bevölkerungsgruppen geliefert hat. Die Schlagworte des Buches sind - neben den genannten Stichworten im Titel - auch hier das Wohlfahrtsparadoxon, dass eben trotz und insbesondere im (aktivierenden) Sozialstaat trotz entsprechender Leistungen viele Menschen nicht ausreichend abgesichert sind und nicht hinreichend am gesellschaftlichen Leben partizipieren können. Wir leben schließlich nicht im Dschungel, in dem das nackte Überleben auf die eigene Körperkraft und das Geschick ankäme, nennt es Castel an einer Stelle seiner Einleitung und verweist hier auf die Problematik von gesellschaftlicher Teilhabe und Ausschluss per Gesetz resp. der unsichtbaren Lücken in diesem System.
Dörre verweist einleitend darauf, dass aber nicht nur einschlägige Sozialrechtsnormen und Paradigmen wie etwa Hartz IV ausschlagend und Ursache sind für neue prekäre Lebensverhältnisse, sondern sich insbesondere die neue Arbeitswelt im flexiblen Finanzmarkt-Kapitalismus vom Garanten als Existenz sichernden Überlebensmechanismus gelöst hat. Neue kleinere arbeitsteilige Prozesse im Ablauf der Tätigkeiten selbst, im Zeitkontingent und der Marktsteuerung zergliedern die einzelnen Aufgaben und Berufe und Berufsbilder soweit, dass sie nach den Grundsätzen betrieblicher Buchführung nicht mehr hinreichend geldwert sind, sie nicht mehr entlohnt werden, um davon quasi ordentlich zu leben. Minijobs, Projekt- und Leiharbeit sowie Befristungen sind dabei nur die begriffliche Spitze des Eisberges an Argumenten und Erläuterungen.
Weit entfernt ist das Buch jedoch von einer larmoyanten Anklage. Vielmehr lesen sich die einzelnen Abschnitte wie eine Herleitung und Zustandsbeschreibung auf akademisch hohem Niveau, was aber niemals zu weit entfernt ist vom Leser, was schon allein deshalb ein Kompliment verdient! Der Leser wird buchstäblich an die Hand genommen und eingeführt.
Das Buch selbst ist aufgeteilt in fünf Abschnitte, die sich auf 29 verschiedene Einzelartikel anderer einschlägiger Autoren wie Stefan Lessenich, Berthold Vogel, Martin Kronauer oder Loic Wacquant (u. a) verteilen. Der Leser erfährt dabei neben dem Phänomen der übersehenen Geschlechterfrage und der jeweiligen theoretischen Rahmung auch sehr viel von den Entwicklungen und Zuständen in anderen europäischen Ländern und auch den USA, wie etwa der Beitrag von Wacquant zeigt, der auch die begriffliche Auladung und politische Interpretation resp. Inszenenierung von "Rassenunruhen" in England, Frankreich und den USA aufzeigt und gleichsam dechiffriert. Sehr gut zeigt sich hier, dass das was in der populären Berichterstattung von Fernsehen und Boulevardpresse zumeist als Krawalle von quasi unkultiviertem Pöbel und Ausländern der Unterschicht bezeichnet und beschimpft wird, eher die letzte Eskalation und Entladung kollektiver Wut ständig politisch ausgegrenzter und "Vergessener" in den sog. Problemvierteln ist, die sich keineswegs auf eine bestimmte "Rasse" oder Herkunft begrenzen lässt. Vielmehr zeigen sich dort anhand der Schilderungen die Versäumnisse des Städtebaus, der Sozialpolitik aber auch die Folgen des industriellen Wandels und Niedergangs und dem daraus veränderten Bedarf an Arbeitskräften.
Sehr deutlich wird dabei, wie auch im ganzen Buch, dass Prekariat, Abstieg und Ausgrenzung keineswegs nur die eigene individuelle und kurzfristige Schuld ist, irgendwas versäumt zu haben, was auch nur die sog. Unterschicht beträfe, sondern dass langfristig breite Schichten in Arbeitsmarkt und Gesellschaft Gefahr laufen, im Shareholder-Value-Kapitalismus zerrieben zu werden. Außerdem zeigt der Band sehr deutlich in den einzelnen Kapiteln, dass der Prozess der Entkoppelung und des Abstiegs recht langfristig verläuft und entgegen allen Annahmen die normale Erwerbsarbeit auch weiterhin die - allein schon monetäre - Hauptquelle gesellschaftlicher Reproduktion und Partizipation bleibt, mögen auch populäre Stimmen von einem Ende der Arbeit und alternativen Lebensformen wie einem Grundeinkommen fabulieren. Und dabei argumentieren die Autoren keineswegs konservativ, sondern beschreiben in soziologischer Weise und Perspektive die Problemkonstellationen.
Insgesamt ein vielleicht nötiges Buch der politischen Aufklärung, um auch den Blick etwas mehr über den Tellerrand zu heben und auch Zusammenhänge zwischen Phänomenen sozialer, politischer, ökonomischer und wirtschaftlicher Art zu erkennen.

 

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